Survival of the Fettest

Bügeln Sie mehr, duschen Sie weniger! Mit der Energie von drei Minuten duschen kann man auch eine Stunde bügeln. Und das Handtuch bleibt trocken. Alternativ könnten Sie auch sieben bis zehn Stunden fernsehen. Dabei kämen Sie nicht mal in Schwitzen und vermeiden die Verdunstungskälte. Googeln Sie nicht einfach rum, stricken Sie lieber einen Pulli. Rauchen Sie weniger Hanf, er ist auch ein gutes Dämmmaterial.

Leisten Sie Ihren persönlichen Beitrag zur europäischen Energiesicherheit! Verlassen Sie sich nicht auf die Russen. Energieressourcen haben und Energieressourcen fördern sind nämlich zweierlei. Russland kauft das Zeug selbst in seinem Nachbarstan. Und bis die Wüstenenergie aus sonnenbespiegelten Wasserkochern, die der Club of Rome propagiert, bei uns ankommt, dürften wir die Grenzen unseres Wachstums sowieso schon ausgereizt haben. Vielleicht können wir von den alten Germanen lernen: Nachdem im zweiten Jahrhundert nach Christus die spanische Überproduktion die Olivenölmärkte zusammenbrechen ließ, musste an Lampenöl gespart und auf Wachs und Talg umgestiegen werden. Wir haben es bisher nur bis zur Energiesparlampe geschafft, dafür europaweit. Wärme spendet sie jedoch nicht.

Machen wir uns nichts vor: Es wird kalt in Deutschland, auch wenn 2008 eines der wärmsten Jahre seit 1901 gewesen ist. Die Wirtschaftsweisen raten zu warmer Wäsche, bisher hatten sie nur ein dickes Fell gefordert. Gegen kalte Füße und eisige Herzen hilft auch keine Klimakatastrophe. Die Außentemperatur fällt und die Innentemperatur auch. Die gefühlte erst recht. Und trotzdem geraten alle ins Schwitzen. Kommen jetzt die mageren Jahre? Fette passen nicht durchs Nadelöhr. Da heißt es: Kräftig verbrennen. Wie wärs mit Schwitzyoga? Da übt man dann auch schon mal Geschmeidigkeit für den Karrieresprung beim nächsten Aufschwung.

Ein heiß gelaufener Kapitalismus lässt uns alltäglich das Ballett der Brown’schen Molekularbewegung auf Individualebene tanzen. Die Party ist vorbei. Es bleibt der Tanz auf dem Balkon. Und merke: Wer schnell kalte Füße kriegt, ist häufig ein Warmduscher. Doch beim Kampf um die Futtertröge geht es heiß her. Konkurrenz produziert allerdings außer dem Burn-out keine Wärme, sondern nur kalten Angstschweiß. Staat, „kältestes aller kalten Ungeheuer“ (Nietzsche), halte uns warm! Oder aber: Zivilgesellschaftliche Rudelbildung in der Krise. Die Stachelschweine, Schopenhauers berühmte Kuscheltierchen, sehnen sich nach Nähe. Ruck, zuck und noch ein bisschen näher.

Aua.

Das Überleben ist nicht leicht. Immerhin, Möglichkeiten gibt es viele. „I see intelligence as just one of a variety of adaptations among tetrapods for survival. Running fast in a herd while being as dumb as shit, I think, is a very good adaptation for survival”, konstatiert der Evolutionspaläontologe Jack Sepkoski.

Bevor Sie jetzt zu rennen anfangen, wie wäre es mit entschleunigen? Kauen Sie langsamer und häufiger. Lassen Sie sich nicht verheizen. Gestalten Sie das Zusammenleben bewusster und meiden Sie exotherme Reaktionen, notfalls einfach mal den signifikanten Anderen aus dem Weg gehen. Nicht immer die Energie frei laufen lassen. Machen Sie es sich gemütlich und halten Sie sich warm.

Subkutan kann ebenfalls was getan werden: Nicht mehr “Ran an den Speck”, sondern rauf mit ihm, Fettpolster anlegen. Bauch ist wieder in, isoliert auch gut.

Energie ist bekanntlich eine Erhaltungsgröße. Sie wird immer nur umverteilt. Fragen Sie Ihren Physiker: Arbeit verrichtende Systeme verlieren Energie. Vielleicht war das mit dem Lob der Faulheit doch keine so schlechte Idee.

Auch konsensuelle Reibungswärme ist eine feine Sache. Machen Sie es doch wie die Pinguine und gehen Sie auf eine Kuschelparty. „Eine Generation geht und eine Generation kommt und die Erde bleibt stehen in Ewigkeit“ (Koh). – Nicht dass wir uns da noch sicher wären. Der Letzte macht das Licht aus. Haarsträuben hält auch warm.

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