Heldendämmerung

Singe, Göttin, den Zorn des thymiotischen Sloterdijk … Jetzt wo mit der Verleihung des Tapferkeitsordens die Belohnungsstruktur der Leistungsgesellschaft auch in der Bundeswehr angekommen ist, lohnt es sich vielleicht mal wieder, über Helden nachzudenken. Vorgedacht haben dies bekanntlich die Amerikaner. Mit dem Heft The Fuhrer of Chicago schickt DC Comics 1978 Captain Marvel noch einmal in den Kampf gegen Captain Nazi. Das Comeback des erfolgreichsten Superhelden Amerikas – Anfang der 40er noch mit über einer Million verkauften Heften pro Monat.

1929. Minigolf wird in Amerika zum Volkssport. 25.000 Parcours werden in jener Zeit gebaut. Bescheidene Unterhaltung boomt in der Weltwirtschaftskrise. Auch Comics erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Allerdings ernsthafter. Die lustigen Auftritte von Disney-Helden weichen der Aufklärungsarbeit. Die Panzerknacker treten auf, Donald und Mickey wechseln in die Detektivbranche. Und es entsteht ein ganz neues Comic-Genre. Der Superhero. Körperbetont bekleidet, häufig maskiert, besonders talentiert, zufällig verheldet oder so geboren, selten weiblich, meist einsam, traumabewältigend oder schlicht Lichtgestalt und immer mit Alter-Ego-Extrembösewicht als Platzhalter für die moralische Keule. In Belgien derweil schickt Herge Tim und Struppi ins Land der Sowjets.

Vorkriegshelden sind the Shadow (1931), the Phantom (1936) und Superman (1938). Im Mai 1939 krabbelt Batman aus seiner Höhle. Der Krieg beginnt und mit the Shield entsteht 1940 der erste patriotische Superheld. Ihm folgen Wonder Woman und der Höhepunkt der Superhelden-Oberpatrioten-Melange: Captain America. Verkörpert er den Kampf gegen den GröFaZ und den Sprung aus der Isolation der USA in das bunte Weltkriegsgeschehen wirksamer als der im Rollstuhl sitzende Roosevelt? Schon Goebbels, ein Disney-Fan, erkannte die Propagandafunktion von Comics. Die gab es zwar in Deutschland nicht, dafür aber allerhand blonde, blauäugige Prototypen. Man begnügte sich also mit Bildergeschichten. Sprechblasenlos begegnen uns Hanni, Fritz und Putzi 1939 in „Da ist was geschehen“.

Nach dem Krieg war der Bedarf an strahlenden Superhelden erst mal gedeckt. Sie werden düsterer, beängstigender, das Genre verändert sich. Nun sitzt die Gesellschaftskritik den armen Allmächtigen im Nacken. Es heißt, sie verführten Jugendliche zu Verbrechen und in die dunklen Gassen der Sexualität. Und als Beschützer und Retter bewahren sie den Status quo und entpuppen sich damit als Vertreter der herrschenden Klasse. Masters of the Universe.

Im neuen Jahrtausend retten Ironman, Spiderman, Hancock, Hulk, Hellboy, Batman, the Spirit, Watchmen, Captain Berlin und Wolverine deutsche Kinos. Antizyklische Heroinflation. Sie sind zurück, die Superhelden. Vergeblich jedoch sucht man bei ihnen den unbekümmerten Aktionismus und die bedingungslose Vaterlandsliebe der Helden der 30er und 40er. So werden die Protagonisten der amerikanischen Serie Heroes verfolgt von einer korrupten US-Regierung (unter Führung eines afroamerikanischen Präsidenten). Auch der dunkle Ritter ist ausgebrannt. Er will hinschmeißen und sieht sich im Kampf mit den Mächten des Bösen instrumentalisiert – als Funktion der Zerstörung, die er eigentlich verhindern will. Seelen- und humorlos, Batman ist der Gute und langweilig. Den Oscar bekommt der Joker, posthum. Wenigstens die Watchmen versprachen mit ihrer kalten Kriegsthematik monumentales Gut-Böse-Gewatsche. Jenseits des Effektgetöses ist der Film jedoch wieder nur zu aktuell – ein Dreistundenepos über die Frage „Sollen wir die nukleare Zerstörung verhindern oder doch lieber auf dem Mars pensionieren?“ Depression, Selbstzweifel, Heldenburn-out. Superhelden heute ringen vor allem mit ihrem Ego.

Aber es gibt Hoffnung. Die Filme Captain America, Thor, the Avengers und Justice League of America versprechen für 2011 weniger Selbst und mehr Wir. Und GI JOE wird bereits 2009 zum Kampf antreten. Hasbro, Spielzeughersteller und Eigentümer der Marke, zerstreute auf seiner Webseite gleich die Befürchtung, die Spezialgeheimeinsatztruppe GI JOE könne ein Haufen internationaler UN-linge werden und damit die Identität der Heldenmarke beschädigen: „The G.I. Joe team will not be based in Brussels.“

Das Wort Superhero ist von Marvel und DC Comics urheberrechtlich geschützt, also bitte nicht kommerziell verwenden. Auch der Staat steigt wieder ins Heldengeschäft ein. Hieß es nicht mal „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“? Aber wer Krieg führt, entkommt der Heldenlogik nicht.

1 Kommentar

Eingeordnet unter WeltTrends

Eine Antwort zu “Heldendämmerung

  1. blattgold

    Superman-Erstausgabe für eine Million Dollar versteigert. Geld für Helden:

    http://www.sueddeutsche.de/panorama/839/504056/text/

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