„Wir sprengen uns in die Luft“…

… sagen junge Iraner in freudiger Erwartung auf rauschende Feiern mit exzessivem Alkoholgenuss. Herstellung und Konsumption von Alkohol sind in der Islamischen Republik Iran streng verboten, und doch etwa so unbekannt wie die ebenfalls untersagte Homosexualität.

Der Iran kann auf eine uralte Weintradition zurückblicken. Der chinesische General Zhang Qian stellte 128 v. Chr. fest: „Die Perser lieben ihren Wein so wie ihre Pferde Luzerne.“

Archäologische Funde lassen vermuten, dass die Herstellung von Wein in Persien schon 5000 v. Chr. bekannt war. Vor der Ankunft des Islams im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung florierte dieser Geschäftszweig. Und auch danach wurde weiter Wein angebaut und getrunken, nicht zuletzt im westlich orientierten Iran des Schahs. Der Weinhandel wurde nach der Islamisierung des Iran vermehrt von nichtmuslimischen Minderheiten übernommen. Dass sich die muslimische Bevölkerung auch entsprechend aus dem Konsum zurückgezogen hat, davon wissen die Quellen nichts.

Das ehemalige Zentrum der persischen Weinproduktion, Shiraz, leiht einer Traube seinen Namen, die heute vor allem in Australien zu Wein keltert wird. Aus Shiraz stammt auch der wohl berühmteste Verehrer persischen Weins Mohammed Schemsed-din Hafis. Dieser, nicht nur vom honorigen Hofrat Goethe so verehrte Dichter, hegt eher prometheische Ansichten:

Komm lass‘ uns Rosen streuen,
Und Wein in Becher werfen,
des Himmels Dach zertrümmern,
und neue Formen werfen.

Als Kredo einer islamischen Staatsführung ist dies kaum geeignet. Und so zählt heute der Iran zu den weltgrößten Produzenten von frischen Trauben und Rosinen. Doch wie so häufig hat das Verbot vor allem die Lukrativität des Geschäfts mit dem Alkohol gesteigert. Und das Interesse an der ganz persönlichen „Hausmarke“.

Das iranische Strafgesetzbuch droht bei Trinken von Alkohol mit Peitschenhieben und im mehrfachen Wiederholungsfalle gar mit der Todesstrafe. Der Handel mit Alkohol wird mit Gefängnis oder Verbannung bestraft.

Tatsächlich wird der Alkoholkonsum inzwischen aber mit Arrest oder einer Geldstrafe geahndet und der Konsum in Privathäuser vom Staat häufig geduldet. Seit Jahren berichten ausländische Zeitungen von Alkoholparties und Razzien im Iran. Dabei wechseln sich Berichte über Massenverhaftungen mit solchen über Massenvergiftungen ab. Der durch eine Kampagne von Amnesty International bekannt gewordene Mehrfachkonsument Karim Fahimi konnte 2006 der Vollstreckung der Todesstrafe entgehen, nachdem er eine Ver- pflichtung unterzeichnet hatte, für den Rest seines Lebens keinen Alkohol mehr zu trinken. Weniger Glück haben jedoch manche Regimegegner, bei denen gelegentlich Hochprozentiges gefunden wird. Möglicherweise, weil die Beamte am besten wussten, wo sie suchen mussten.

Gerüchte vermelden, dass die letzte Fußballweltmeisterschaft insbesondere die Schwarzmarktversorgung mit Bier fast zum Erliegen gebracht habe. Dem konnte auch nicht durch das legale Angebot an alkoholfreiem Bier abgeholfen werden. Immerhin exportiert etwa der russische Bierproduzent Baltika sein alkohol- freies Bier seit 2003 in den Iran. Einschließlich des Restalkohols von 0,5%.

Religiöse Minderheiten dürfen bis heute zu kultischen Zwecken Wein produzieren und konsumieren. Und medizinischen Alkohol gibt es seit den 1990er Jahren auch für den Hausgebrauch. Allerdings ist der Bedarf an diesem Alkohol in den Privathaushalten in letzter Zeit wieder stark zurückgegangen. Man setzt neuerdings Bitterstoffe zu, statt Orangensaft.

In einem Land, in dem in den 1980er Jahren die Jugend in Minenfeldern in Fetzen gerissen wurde und in dem heute drei Viertel der Bevölkerung unter dreißig und vielfach unterbeschäftigt sind, stehen die Wächter der öffentlichen Ordnung vor einer besonderen Herausforderung. Schon Hafis wusste: Wenn der Wein nicht den Gram aus unserm Sinne davonträgt, / Ist es gewiss, dass der Gram zuletzt die Ruhe davonträgt.

Emigrationssehnsüchte und Drogenräusche aller Arten. Eine Jugend will weg. Ob dies Ausdruck einer stillen Revolution ist oder politische Kapitulation, bleibt abzuwarten. Aber es gärt im Iran.

Die iranische Verkehrspolizei soll inzwischen mit Alkoholmessgeräten ausgestattet worden sein.

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