Sprachlos in Europe

Wir reden zurzeit viel über Europa, aber Europa redet nicht. Nicht weil es an einem Amt mangelte, das ihm eine Stimme gäbe, sondern weil Europa in seiner Sprachenvielfalt sprachlos geblieben ist. ‚In Vielfalt geeint‘ lautet das Motto der Europäischen Union und nicht ‚Aus Vielen Eins‘. Entsprechend hat sie sich in der Grundrechtscharta nicht nur zur Achtung der Vielfalt der Kulturen und Religionen verpflichtet, sondern auch zu der der Sprachenvielfalt. Und das bedeutet inzwischen immerhin 23 Amtssprachen, davon drei Arbeitssprachen, etwa 60 weitere indigene Sprachen und etliche Migrantensprachen.

Nun ist Achtung das eine, praktizierte Mehrsprachigkeit, bis hinein in die Rechtssetzung und Verwaltung, aber etwas anderes. Darum ist die Beherrschung zweier Fremdsprachen erklärtes Ziel der EU für alle ihre Bürgerinnen und Bürger. Und kürzlich hat eine ‚Intellektuellengruppe für den interkulturellen Dialog‘ dies dahingehend konkretisiert, dass jede Bürger und jede Bürgerin zuzüglich zum Erlernen einer Verkehrssprache eine ‚persönliche Adoptivsprache‘ wählen möge, um sich so eine weitere europäische Kultur zu erschließen. Ein Ziel, fast so schön wie der Weltfrieden.

Derzeit sind die Fremdsprachenkenntnisse der Europäerinnen und Europäer, abgesehen von einer kleinen Schicht, die aus dem einen oder anderen Grund in vielsprachigen Zusammenhängen lebt, insgesamt von einer ernst zu nehmenden Zweisprachigkeit weit entfernt. Nur ungefähr die Hälfte der Europäer meint, sich in einer Fremdsprache „unterhalten zu können“. Auch wenn es in den kleineren Staaten um die Zweitsprachenbeherrschung insgesamt besser bestellt ist, besteht für die Mehrheit der EU-Bürgerinnen und Bürger kaum Aussicht, in einer fremden Sprache über eloquentes Geplauder hinauszukommen. Doch selbst dann herrschte zwischen dem schwedisch sprechenden Finnen und dem französisch sprechenden Portugiesen weiter Schweigen. Denn aus einer Vielfalt der Zweitsprachen entsteht noch lange keine europäische Öffentlichkeit, und ohne europäische Öffentlichkeit letztlich keine europäische Kommunikationsgemeinschaft, die Voraussetzung einer wirklichen Euro-Demokratie wäre.

Dann bleibt nur der Euro als gemeinsamer Grundwortschatz. Und natürlich das Englische als De-facto-Verkehrssprache, die jeder nutzt und keiner kann. Ist doch die Bejahung der Frage nach englischen Fremdsprachenkenntnissen nicht nur in Deutschland wohl eher Reflex als Ausdruck tatsächlich vorhandener linguistischer Fähigkeiten.

Diese Selbstüberschätzung treibt auch in der Wissenschaft nicht selten komische Blüten. Ganz zu schweigen von so mancher Win-win-Situation, die in den Body Bag outgesourct wird. Auch die Werbeindustrie beglückt sich und uns mit allerlei unverstandenen Slogans. So deuteten potenzielle Käufer das Angebot „Freedom of Speech” einer Telekommunikationsfirma als “Frieden der Geschwindigkeit”. Und Kunden eines Duftdiscounters fühlten sich nicht etwa zur Einkehr und freien Auswahl im Geschäft aufgefordert, sondern sahen sich mit dem Wunsch konfrontiert, gut ins Geschäft und ebenso gut wieder hinauszufinden.

Nun überlassen die andere Sprachen dem Englischen jedoch nicht kampflos das Feld. Aus gutem Grund gilt die Sprachenvielfalt ja nicht zuletzt als so schützenswert, weil derzeit nicht absehbar ist, dass man sich auf politischem Wege auf eine Verkehrssprache in der EU einigt. Stattdessen ringt die auswärtige Kulturpolitik um jeden Sprachschüler. Gewonnen hat diese im Fall Deutschland jedoch nicht das Goethe-Institut, sondern Tokio Hotel. Eine anfangs belächelte Schülerkombo, die immerhin schaffte, dass sich Frankreichs Schüler neuerdings wieder für Deutsch als Fremdsprache begeistern.

Wo die Bürgerinnen und Bürger die Wahl haben, machen sie um die Weltsprache Englisch einen Bogen und sind sich einig in ihrer Vorliebe für die Nutzung der Muttersprache. So basteln sie beispielsweise lieber an muttersprachlichen Wikipedia-Artikeln, als sich im Englischverkehr zu üben. Auf ihren Seiten ist ein wahrer Wettstreit der Sprachen, und solcher, die es werden wollen, darum entbrannt, wer die meisten Artikel sein Eigen nennen kann. Zwar liegt Englisch in Führung, aber nicht in dem Maße, wie man es von einer Verkehrssprache erwarten würde. Es ist wahrlich nicht nur das Wachstum des Chinesischen, das die Nutzung des Englischen im Internet mehr und mehr zurückdrängt. Das Netz wird zunehmend mehrsprachig. Damit erschließt es sich das einsprachige Publikum, allerdings um den Preis der Verstehbarkeit jenseits der eigenen Sprachgruppe.

Und was heißt das nun für Europa: Je mehr EU, desto mehr Babel? Wenn wir uns weiterhin mit der Ideologie der Mehrsprachigkeit um Entscheidungen drücken, riskieren wir die endgültige Spaltung der EU in eine polyglotte Elite und eine immer sprachlosere Rest- bürgerschaft. Oder bleibt also neben der Vollversion einer Sprache, die nur wenige beherrschen, ein Globish, das uns zwingt so einfach zu denken, wie wir sprechen können. Ausweichen könnte man natürlich auch auf eine Kunstsprache wie Esperanto, die hohe Ausdrucksfähigkeit mit leichter Erlernbarkeit kombiniert, weil sie eben zu diesem Zweck gemacht worden ist. Die Tatsache, dass hinter ihr keine nationale Kultur steht, wird immer gegen sie ins Feld geführt. Dabei könnte gerade sie als Zweitsprache für jeden die Kommunikation aller auf Augenhöhe ermöglichen.

Eine Lösung für das Sprachenproblem ist nicht in Sicht. Anders jedoch als bei der Hymne der Europäischen Union kann man sich nicht auf eine Instrumentalversion zurückziehen.

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