Schalke, vorwärts zum Sieg! Mit besten Grüßen aus Russland. — Eure Gazprom

Während die meisten den Ivan, Mütterchen Russland und Väterchen Frost am Ofen im fernen Sibirien wähnen, kocht die deutsche Seele im Pott. Das Erdgasunternehmen Gazprom schloss mit dem Meister der Herzen, dem FC Schalke 04, im Januar 2007 einen aufsehen- erregenden Sponsoringvertrag über 125 Millionen Euro. Prompt sorgte man sich weit über die Fußballwelt hinaus um die Zukunft des professionellen Bälletretens in deutschen Landen. Allerdings entpuppt sich die Vereinbarung bei genauerem Hinsehen als weniger spektakulär als zunächst angenommen.

Die gesamte Summe, verteilt auf fünf Jahre, fließt nur, wenn Schalke alle erreichbaren Titel gewinnt. Unterm Strich begegnen die Königsblauen dem Branchenprimus Bayern München und dem bis dato recht blassen VfL Wolfsburg finanziell nun jedoch auf Augenhöhe. Als Auflaufkind war übrigens für Gazprom der Politpensionär Schröder unterwegs, der ja auch sonst unermüdlich daran arbeitet, dass zwischen Russland und Deutschland nichts ins Stocken gerät.

Übernehmen kann Gazprom den FC Schalke 04 aber nicht. Anders als in England, wo Popstars, arabische Scheichs und russische Millionäre in der Premier League auf Einkaufstour gehen, gilt in Deutschland die 50+1-Regel, nach der der Verein immer 50 Prozent der Stimmen plus eine halten muss, um Herr im eigenen Haus zu bleiben. Allerdings wackelt diese Regel, bringt sie doch die deutschen Vereine im internationalen Wettbewerb ins Hintertreffen gegenüber den Clubs, die Milliardäre sich als Privatvergnügen gönnen. Noch nehmen die Vereine jedoch Rücksicht auf jene ihrer Fans, die unter Furcht vor Heuschrecken leiden und den endgültigen Untergang des hemdsärmeligen, bodenständigen Bolzsports befürchten. Und schließlich ist es auch gerade diese Bodenständigkeit und Verwurzelung, die ein Sponsor wie Gazprom sucht, um sich in die Herzen der Fans zu spitzeln.

Sympathieträger hat Gazprom auch dringend nötig. Bislang beliefert das russische Unternehmen deutsche Firmen, die die Energie an den Endkunden weitergeben. Doch diesen Zwischenschritt möchte Gazprom zukünftig umgehen. Immerhin wird gerade der europäische Gasmarkt liberalisiert. Aber noch verbreitet der Name Gazprom für die deutsche Nase vor allem einen Geruch von Staats- kapitalismus, Oligarchie und Machtmissbrauch: Gesellschaftliches Engagement, das Endkunden nicht leicht vermittelbar ist. Manche Zungen behaupten gar, Gazprom sei vom Kreml gesteuert und mit der Monopolstellung des Unternehmens würde bald in Moskau europäische Politik gemacht.

Doch während nun Gazprom im Zuge seiner Marktexpansion den Anschluss an lokale Identitäten sucht, auf dass der heimische Herd glücklicher Endkunden bald ohne Umwege mit Gas aus Sibirien beheizt werde, finanziert der Konzern Schalke auch den Zugang zum internationalen Fußballmarkt. Dabei riskiert der Verein eine Heimniederlage ganz eigener Art. Noch ist man auf Schalke zu Hause. Doch der Preis der Champions League sind teure Spieler, VIP-Logen und sehr auswärtige Spiele. Und auch wenn Gazprom schon mal Fanflieger zur Verfügung stellt, um die erhöhte Mobilität der Schlachtenbummler zu unterstützen, wird aus dem Klub von nebenan immer mehr ein Global Player. Lokale Identität wird ein Fall für die Merchandising-Abteilung.

In diesem Spannungsfeld zwischen heimeliger Lokalität und der großen weiten Welt steht Schalke aber nicht allein. Hier bildet sich die Logik des entfesselten Weltmarktes ab, die wahrlich nicht mehr nur den Fußball prägt. Und so ist Gazprom auch nicht einfach Aushängeschild des neuen russischen Kapitalismus der Putin-Ära, sondern vor allem Ausdruck der neuen Grenzenlosigkeit im Gasmarkt. Und nicht selten führt der Versuch der grenzenlosen Akteure, sich Wurzeln zu kaufen, zu weiterer Entwurzelung.

Prangen Deutsche Bahn, T-Com, RWE oder EnBW auf der Spieler- brust, so erregt dies kaum Aufsehen. Hat die nationale Vernetzung zwischen Wirtschaft und Sport doch für beide Seiten ebenso segensreiche Wirkungen wie diejenige von Politik und Wirtschaft. Wie gesagt: Gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen, nennt man das. Amen. Doch wenn der Russe kommt, ist alles ein bisschen anders. Diffuse Globalisierungsängste werden flugs auf den Globalisierungsnachzügler Russland projiziert. Erspart doch die Jagd nach dem Sündenbock in der Ferne die Konfrontation mit den heimischen Ursachen. Kaum sind wir den mittellosen Besatzer losgeworden, kommt der reiche Russe.

Gazprom geht auf Nummer sicher. Bringen Schalker Spielerbrüste nicht den erwarteten Imagegewinn, so gibt es ja immer noch die neue euro-asiatische Eishockeysuperliga KHL (Kontinentalnaya Hokkeynaya Liga). Dort ist Gazprom Hauptinvestor. Und wer weiß, wenn das funktioniert, vielleicht wird dann auch irgendwann Uli Hoeneß‘ Traum von einer europäischen Fußballliga wahr. Mit Heimspiel im Moskauer Zentralstadion.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter WeltTrends

Eine Antwort zu “Schalke, vorwärts zum Sieg! Mit besten Grüßen aus Russland. — Eure Gazprom

  1. Na, ja, Schalke wird durch Magath auch nicht zum Sieg kommen. Die Gazprom-Gelder sind an Erfolge gekoppelt, fließen also so wenig wie das Gas im Januar. Und dann ist die Staatsanwaltschaft noch meist gesehenster Gast bei den Herren Schnusenberg und Tönnies…

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