Istanbul 2008

Beinahe jedenfalls. Die olympische Fackel hätte man dann bequem über die Landesgrenze tragen können, umweltschonend. Das IOC wollte es anders, und so stand es in der letzten Runde 56 zu 9 für Peking. Trotz der Bedenken aller Freunde der Demokratie und Menschenrechte, trefflich zusammengefasst in einer Resolution des empörten EU-Parlaments. Das IOC jedoch vertraute der Kraft des „Wandels durch Leibesübungen”. „New Beijing, Great Olympics” verkündete das Politbüro postwendend und stieß das Schaufenster zur Welt auf.

Gewährt man jedoch Fremden einen Blick in die eigenen vier Wände, so muss man erst mal auslüften und aufräumen. Dreck, ohrenbetäubende Rotzgeräusche, kilometerlange Warteschlangen, Vordrängelsport, Schweißfahnen, Rauchen in öffentlichen Gebäuden, das alles entwickelte sich in Peking zur Seltenheit. Selbst Funktionärskarossen wurden temporär stillgelegt. Zumindest im Zentrum. Die Migrantenarbeiter, die sonst Tag und Nacht Häuser und Straßen in weltrekordverdächtigem Tempo hinklotzen, wurden pünktlich zur Eröffnungsfeier aus dem Stadtbild entfernt.

Das Land machte sich gastfein. Wo früher mufflige Amtsträger den Klassenfeind misstrauisch beäugten, treffen die Reisenden heute auf das ewige Lächeln der Dienstleistungsgesellschaft.
Besonders charmant: am Flughafen den Kontrollbeamten mithilfe eines kleinen blinkenden Kastens bewerten. Die neue Freiheit besteht aus vier Knöpfen:🙂 [Greatly Satisfied]🙂 [Satisfied]😦 [Checking time too long]😦 [Poor Customer Service]. Und in der neuen U-Bahn von Siemens Richtung Stadtzentrum erklärten einem dann zur Olympiavorbereitung unzählige Plasmabildschirme die Regeln. Beispielsweise zur Strafecke im Frauenhockey. Auch sonst wurde und wird ordentlich erzogen. Schon lange vor den Spielen liefen Fernsehspots, in denen junge attraktive Menschen Omis über die Straße helfen. Der sogenannte Qualitätsmensch spuckt nicht und ist immer hilfsbereit.

Und der Wang-Normalbürger ließ sich von der staatlich verordneten Euphorie anstecken. Bereits im Oktober 2007 berichtete die Pekinger Zeitung The First, 3491 Chinesen hießen mittlerweile „Aoyun” („Olympics”). Dabei brodelte gelegentlich das chinesische Nationalgefühl stärker auf, als es der Regierung lieb war. Bis hin zu selbst organisierten Demonstrationen und (besonders revolutionär) Konsumboykott. Das geht dann so: In Paris wird einer einbeinigen Chinesin im Namen des Dalai Lama medienwirksam die olympische Fackel entrissen, in zahllosen Internetforen wird daraufhin empört die besonders scharfe chinesische Gerüchteküche entfacht, was schließlich darin mündet, dass man sich vor den Toren einer französischen Supermarktkette versammelt, aber nicht einkauft. Man munkelt, Carrefour habe den Dalai Lama gesponsert. Die chinesische Regierung ist indes bemüht, die spontane Meute im Zaum zu halten. Die berüchtigte „Great Firewall” wurde eingesetzt, um Suchanfragen nach Carrefour und Hetzkampagnen gegen den vermeintlichen Tibetfreund einzudämmen.

Übereifrige Patrioten und der Dalai Lama waren nicht die einzige Bedrohung. Auch Islamisten aus nah und fern bevölkerten die Angstträume der chinesischen Sicherheitsbeamten. Ganz zu schweigen von sichtbaren Protesten in- und ausländischer Menschenrechtsideologen, die aus dem Spektakel ein Debakel machen wollten. Die staatlicherseits großzügig angebotenen Spielplätze für Protestierer wurden zwar nicht angenommen. Der Versuch, Laternenakrobatik mit Transparenten als olympische Disziplin zu etablieren, konnte jedoch vereitelt werden. Die chinesische Regierung wollte die Spiele ja nicht nur, um die vergesslichen Chinesen daran zu erinnern, dass sie ein Volk sind, sondern auch, um sich und allen Beteiligten zu vergewissern, wer dieses Volk regiert.

So wurde das Fenster zur Welt doch rasch noch einmal umdekoriert. Ausländer durften kaum noch hinter die Gardine schauen. Visabestimmungen verschärfte man drastisch. Der Aufenthalt in China wurde kompliziert, aber, wie üblich, nicht unmöglich. Die Versicherung gegenüber dem Visabeamten, am besten im lokalen Dialekt, man habe bereits mit seinem Chef telefoniert, wirkte immer noch Wunder. In China gibt es Gesetze, und es gibt Vorgesetzte. Dennoch zeigten die Restriktionen Wirkung: Die Hotels blieben leer. Statt im Pekinger Vogelnest verfolgten viele der einst herbeigewünschten Gäste die Spiele von der heimischen Couch. Am Fernseher. Zeitversetzt. Digital nachgebessert. Aus der Ankündigung des Politbüros, ein offenes Fenster zur Welt zu präsentieren, ist so nichts geworden. Das Risiko schien zu hoch. Man gab hochglanzpoliertem Panzerglas den Vorzug.

Und auch die chinesischen Bürger waren zwar dabei, aber nicht unbedingt näher dran. Schon beim Endspurt der Fackel durch China mussten die meisten Fenster und Balkone geschlossen halten und das Ereignis am Fernseher verfolgen. Früher konnten die Massen Winkelemente schwingender Statisten gar nicht groß genug sein. Diesmal säumten nur noch staatlich geprüfte Prachtbürger die Straßen der Städte entlang der Fackelroute.

Und selbst dann wird überwacht. In Peking übernehmen dies auch Aktive des dritten Lebensalters.  In London 2012 warten die Kameraaugen. Die sicherheitspolitische Evolution schreitet voran. In unsicheren Zeiten sind öffentliche Veranstaltungen wohl am sichersten durchzuführen, wenn die Öffentlichkeit im Wohnzimmer stattfindet. Hauptsache, die Übertragung bricht nicht ab.

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