Pole Position

Von Hamburg nach Shanghai in nur zwei Wochen. In den Pausen an Deck kann man das rege Treiben der Schiffe beobachten. Russische Öltanker schleppen sich stoisch dahin und kanadische Patrouillenboote flitzen nervös durch die Passage. Am Horizont erheben sich trotzig Bohrinseln, das ewige Eis hat sich als vergänglich erwiesen.

Die Arktis: Das sind 20 Millionen km², halb Land, halb Ozean. Heute alles überwiegend noch in Eisform. Doch seit 1977 schrumpft die Packeisschicht. Ein Viertel ist schon weggetaut. Im vergangenen Jahr war zum ersten Mal die Nordwestpassage zwischen Pazifik und Atlantik eisfrei. Ab 2030 soll das Polareis dann ganz geschmolzen sein.

Früher war der Nordpol ja nur interessant für militärische Spielchen, Reinhold Messner, Eisbären und andere gut gepolsterte Tiere. Doch durch den Klimawandel bleibt nichts so, wie es war. Die eisfreie Nordwestpassage kürzt den Weg nach Asien ab. Dann kann Panama den Hut nehmen. Die große Schmelze wird nicht nur unsere Küstenlinie umgestalten, sondern am Pol so manchen Schatz erst förderbar machen: Öl und Gas, aber auch Kupfer, Zink, Gold und andere Herrlichkeiten.

Wieder mal hat die Geschichte eine neue Runde im Great Game eingeläutet. Doch während die Gegenwartsorientierten noch in Kaukasus und Nahem Osten ihr Glück versuchen, läuft sich die Zukunft im ewigen Eis warm. Da stellt sich die Frage: Wem eigentlich gehört die Arktis?

Je nutzbarer der Nordpol, desto umkämpfter ist die Antwort. Ein spezieller völkerrechtlicher Vertrag, der wie für die Antarktis die wirtschaftliche und militärische Nutzung ausschließt, existiert nicht. Da auch gefrorenes Wasser rechtlich gesehen Wasser ist, gilt der arktische Ozean als Meer und damit immerhin das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. Dies haben auch noch mal die arktischen fünf Anrainerstaaten im Mai dieses Jahres in der Erklärung von Ilullissat betont – nicht zuletzt auch, um Ansprüche Dritter auf Eis zu legen. Entscheidend für die Regelung dieser Besitzansprüche sind die Bestimmungen zu Festlandsockeln. Was nach Säule klingt, ist ein Stück Meeresboden, das bis maximal 200 Meter unter dem Meeresspiegel liegt und somit dem Küstenstaat und nicht zur Hohen See gehört. Je größer der Festlandsockel, den man für sich beanspruchen kann, desto größer ist auch das Meeresgebiet, in dem der Staat ausschließliche Ausbeutungsrechte besitzt.

Inzwischen ist der russischen Föderation und Norwegen eingefallen, dass ihr arktischer Festlandsockel ja viel größer ist, als ursprünglich gedacht. Eilig stellte man daraufhin einen Antrag bei der zuständigen Festlandsockelgrenzkommission der Vereinten Nationen. Diese Kommission wird nach kritisch-sachkundiger Prüfung eine Empfehlung an die beiden Staaten abgeben. Dann gilt, „the limits of the shelf established by a coastal State on the basis of these recommendations shall be final and binding.“ (Art. 77 Abs. 8 UNCLOS). Das ist so, als empföhle der Richter ein Strafmaß, welches den Angeklagten erst bindet, wenn dieser sich selbst in die Haftanstalt eingewiesen hat. Während Kanada noch vermisst, erwägen die USA ernsthaft, ihre Abneigung gegen internationale Verträge zurückzustellen und dem Seerechts-Übereinkommen beizutreten.

Parallel zu solchen völkerrechtlichen Spielen greift man auch zur Symbolpolitik. Erst kürzlich pflanzte ein Abgeordneter der russischen Duma keck eine russische Flagge auf den Meeresboden. Die symbolische Besitznahme von Territorium hat Tradition. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg landeten Hakenkreuz-Fahnen auf dem antarktischen Eis, die Scholle sollte als ‚Neuschwabenland’ dem Deutschen Reich einverleibt werden. „Frozen Lebensraum“. Fantasievoller waren die Argentinier. Sie setzten 1977 eine schwangere Staatsbürgerin auf einer südpolaren Forschungsstation ab, die im folgenden Jahr mit der Geburt ihres Sohnes Emilio Marcos Palma den argentinischen Besitzanspruch begründete.

Während also in Sachen Besitzansprüche noch einiger Klärungsbedarf besteht, kümmert sich der Arktische Rat als Zusammenschluss der Anrainerstaaten unermüdlich um die polare Fauna und Flora. Die widerstreitenden geopolitischen Interessen zu versöhnen, wird diesem Gremium jedoch kaum gelingen. Immerhin, Einigkeit besteht im Engagement für die Rentierzucht.

Die geopolitischen Herausforderungen unserer Zeit liegen mitten in der Arktis. Europa leider nicht. Noch herrscht Winter, wenn jedoch durch die globale Erwärmung das Tauwetter anhält, wird es zwischenstaatlich umso frostiger werden. Hier fühlt sich die Europäische Union gefordert. Bis zum Ende des Polaren Jahres 2009 will die weiche Macht sich eine Arktisstrategie zulegen. Da kann man beruhigt davon ausgehen, dass sie sich an der Klimafront ins Zeug legen wird, Eisbären und indigene Völker vor der harten Interessenpolitik der anderen zu schützen – selbst, wenn sie dafür die Stärkung ihrer eignen Energiesicherheit in Kauf nehmen muss.

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