Kaukasisches Brennen

Turn and run, nothing can stop them, around every river and canal their power is growing …”, sangen Genesis 1971 und meinten damit nicht die Russen, sondern den Riesenbärenklau. Jene gemeine grüne Riesenstaude entspringt dem Kaukasus und führt nun auch in unseren Gärten Low Intensity Wars, indem sie unseren Nutz- und Zierpflanzen den Boden streitig macht und emsige Gärtnerinnen und Gärtner fototoxisch misshandelt. Bekannt ist diese Pflanze mit Migrationshintergrund auch unter dem Namen Herkulesstaude. Das trifft die Sache schon eher. Hat sie doch den Kuschelfaktor eines Nessoshemds.

Die erste Ausbreitungswelle dieses Riesenbärenklaus in Europa verdanken wir Zar Alexander I., der zum Abschluss des Wiener Kongresses Fürst Metternich damit beschenkte. Der Herr Zar war muffig, weil sich der Fürst bei der Herausgabe von Polen knickrig gebärdete. Geopolitik mit Stil und Blüte. Angesalbt werden darf die unwillkommene Pflanze in Deutschland inzwischen nur noch mit Genehmigung. Ansalben ist, was dem Laien das Pflanzen fremder Pflanzen ist. Der Phytokrieg ist in vollem Gange. Da hilft auch nicht die ‚FRONTEX’ der Tiere und Pflanzen, Delivering Alien Invasive Species Inventories for Europe (siehe www.europe-aliens.org). Als Kämpfer gegen die Illegalen der Flora und Fauna prangert DAISIE die biologischen Invasoren an, die eine „der größten Bedrohungen für das ökologische und ökonomische Wohlergehen des Planeten“ seien. „Waste no time! They are approaching.“

In unseren Gärten wurzelt also ein wenig Kaukasus, während es im Kaukasus selbst brodelt. Oder überkocht. Georgien. Armenien. Tschetschenien. Dabei steht beim Gerangel im Kaukasischen Kreidekreis, anders als bei Brecht, nicht die Zugehörigkeit eines Kindes infrage. Wo hinter jedem Berg andere Geschichten erzählt werden, auf Kartwelisch, Abchaso- Adygeisch oder Nach-Dagestanisch, ist das mit dem Wer-mit-Wem und Wer-zu-Wem so ein Problem. Im Völkerrecht heißt ohne Volk zu sein: nix mit Souveränität (V – S = 0). Wie man gevolkt worden ist, ob Abstammung oder Abstimmung, ist aus rechtlichem Blickwinkel egal. Besonders beliebt ist zurzeit bei Beteiligten und Beobachtern das Verständnis von Volk als Abstammungsgemeinschaft, Fremdwortgebildeten auch geläufig als Ethnien. Die reimen sich bekanntermaßen auf Konflikt.

Schmerzlich nur, dass der Versuch, die wahren Volksgemeinschaften zu bestimmen, in die Sackgasse führt oder gleich ins Minenfeld. Im Mischmasch des Kaukasus reißt eine völkerrechtlich erzwungene Homogenisierung der imaginierten Volksgemeinschaften mehr Gräben auf, als sie schließt. Der gute Brecht empfahl „dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind“. ‚Verwandtschaftsbande’ als Rechtsgrundlage wollte er da hinter sich lassen. Es wäre doch gut, wenn auch in Gebieten wie dem Kaukasus die Suche nach der besten Lösung auf den Spielplan gesetzt werden würde. Die Missionskarte ‚Suche Völker und finde ethnische Konflikte’ ist jedenfalls ausgereizt.

Kaukasier werden nervös, wenn der Kaukasus brennt. Vor allem in den USA. Dort ist der Kaukasier weitaus verbreiteter als der Riesenbärenklau, war dort doch bis vor kurzem Caucasian eine offizielle Bezeichnung für weiße Europäer. Ein Begriff, der seinen Weg aus obskuren Rassentheorien in die Fragebögen des U.S. Census Bureau gefunden hatte. In Russland, auf der anderen Seite, übernehmen „die Kaukasier“ den Part der üblichen Verdächtigen, die für mangelnde Studienplätze ebenso verantwortlich gemacht werden wie für terroristische Anschläge.

Es sind die brennenden Hände unserer heimischen Hobbygärtner, die aus der Herkulesstaude einen Überschädling machen. Die Grauhörnchen-Gefahr bleibt hingegen unbemerkt, obwohl dieser niedliche Neophyt aus Nordamerika gerade unsere europäischen Eichhörnchen dahinrafft; ganz klassisch, mit eingeschleppten Pocken. Der Riesenbärenklau wurde sogar 2008 zur Giftpflanze des Jahres gewählt. Wobei wir uns kurz wundern dürfen, als was man in Deutschland so alles gewählt werden kann. Giftpflanze des Jahres wird man durch eine demokratische Abstimmung, organisiert vom Botanischen Sondergarten Wandsbek. Wenn Sie das Bedürfnis verspüren, ein bisschen Demokratie zu leben, können Sie noch an der Abstimmung für 2009 teilnehmen. Als einer der Übelkandidaten ist hier der Lebensbaum im Rennen. Der Lebensbaum als mögliche Giftpflanze des Jahres; da hat sich wohl einiges im Symbolverständnis geändert. Tja, die Bankenkrise macht uns allen Sorgen. „… threatening the human race.”

Übrigens: Der Kaukasus-Elch ist ausgestorben. Nicht aber der Schwedische Elch. Den hat die dortige Armee mal als Reittier gezähmt. Die Tiere sind jedoch nicht nur Hängelippenträger, sondern richtig helle. Sie sind bei Geschützlärm sofort weggerannt.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter WeltTrends

Eine Antwort zu “Kaukasisches Brennen

  1. Blattgold

    Nachtrag: Die Wahl der Giftpflanze des Jahres 2009 ist inzwischen abgeschlossen. Gewinner ist die Tabakpflanze. Das Verbrennen ihrer Blätter erzeugt giftige Dämpfe. Sie darf deshalb in der Bundesrepublik fast nur noch unter freiem Himmel eingeäschert werden.

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