Ziviles Unbehagen

Der Krieg ist ein uraltes Handwerk. Der Zivilist ist neu dabei. Früher, als noch echte Heerscharen in richtigen Schlachten aufeinander einschlugen, zählte man am Ende des Tages die Mannen und Meter. Der Bote verkündete Sieg oder Niederlage und die Namen der gefallenen Edelmänner. Dann zog man weiter. Ganz anders die Zeiten der Flachbildschirme. Sie übertragen Gerippe geborstener Wohnhäuser, Gesichter weinender Kinder und Frauen und Pressesprecher, die das bedauerliche, aber unvermeidliche Leid begründen.

Jahrhundertelang war die Bevölkerung kriegsfördernde Ressource. Da konnte noch alles verheert werden, das Dorf wie der junge Mann. Doch auf die Landsknechte folgte die Landkriegsordnung. Nicht mehr Ritterlichkeit, geschaffen von gehobenen Ständen für gehobene Stände, sondern die Versittlichung des Krieges sollte diesen bändigen. Zugleich endeten die Zeiten, als der Bauer sich noch den Feind mit der Mistgabel vom Leib halten konnte. Schießpulver und Projektil ersetzten Hauen und Stechen. Und während der Staat sich mit dem neuen Kriegsgerät immer besser bewaffnete, sollten Frau und Kinder des Bürgers in Frieden leben. Von ius ad bellum zum ius in bello, vom Recht zum Krieg zum humanitären Völkerrecht. Die Genfer Konvention ermöglichte, was zuvor bereits Praxis gewesen: die humanitäre Katastrophe. Der Krieg wurde modern; machte aus Beteiligten Soldaten und Zivilisten. Sein Naturell war nun scheinbar nicht mehr Verheerung, sondern Verschonung.

„Frauen und Kinder zuerst“, nein, sogar Frauen und Kinder möglichst nicht. Unsere paradigmatischen Zivilisten. Ihr Einsatzgebiet ist das Leiden und sie tragen das Prädikat „Besonders schützenswert“. So, als trügen Männer kein Leid, sondern ausschließlich Uniform. Als verschwände hinter der Uniform nicht nur das Individuum, sondern auch der Schmerz, und was bleibt, ist ein legitimes Ziel. Aber wer schießt, hat Schuld. Daher ist allein unschuldiges Leid auch gutes Leid. Und wir leiden schließlich nur mit den Guten. Wobei die mehr oder minder mündigen Männer unserer Gattung ohnehin keinen guten Ruf genießen. Alles hyperaktive Versager oder geborene Aggressoren. Schießwütiger, radikalisierter Überschuss. Wie schön, dass nun – man hat es so oft geleitartikelt, dass es wahr sein muss – die Zeit der Frau in der Morgendämmerung aufzieht, wenn schon nicht als Mann, dann wenigstens als ziviles Opfer.

Als die Truppen Alexander des Großen, Dschingis Khans Horden oder die Landsknechte des Dreißigjährigen Krieges Stadt und Land in Schutt und Asche legten, erfuhr der Rest der Welt die Kunde arg verzögert. Uns trifft die mediale Darstellung unverzüglich und mit voller Wucht. Nicht zuletzt auch, weil sie Teil der Kriegsführung geworden ist. Mit all den Frauen und Kindern, die der Feind so mordet, soll man nicht hinterm Berge halten: Bilder zu Waffen! Für die meisten Europäer ist Krieg eigentlich nur blasse Erinnerung, Alpträume der Oma, Lücken im Stammbaum. Und eigentlich sollte es so auch bleiben, denn der moderne Krieg verheißt gezieltes Töten ohne unschuldige Opfer. Präzisionswaffen treffen – die Richtigen. Der chirurgische Eingriff erfolge unter möglichst geringer Gewebezerstörung. Wird dabei das Versprechen nicht gehalten, rutscht das Skalpell dennoch mal sichtbar aus, erfolgt der öffentliche Aufschrei. Also muss der General heute nicht nur in der Kriegsstrategie, sondern auch in der Öffentlichkeitsarbeit sein Abzeichen verdienen. Abzuwägen gilt, wie viele tote Zivilisten pro Angriff noch als zivilisiert durchgehen.

Bei einer solchen medialen Konzentration auf die Opfer geht oft der politische Kontext verloren. Der Kriegsschauplatz wird zum Katastrophengebiet, wie nach einem Erdbeben. Fragen politischer Verantwortlichkeit gehen unter in den abstrakten Formeln analysierender Völkerrechtler, Worthülsen engagierter Talkshowaktivisten, Appellen emigrierter Exilregierungen und dem Bellen und Bedauern emotionaler Politiker. Dieses Trommelfeuer überfordert die Mit-Leidensfähigkeit der entfernten Zuschauer. Wir schwanken zwischen orientierungsloser Erregung und resignierter Abstumpfung, ratlos empört. Suchen nach der Fernbedienung.

Da wird lieber im Kleinen befriedet: Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) als friedenserhaltende Maßnahme. Das Computerspiel „Command & Conquer Generals“, das nicht nur militärisch-strategische Auseinandersetzungen zum Inhalt hatte, sondern auch den Spieler zum Krieg gegen die wehrlose Zivilbevölkerung aufforderte, wurde indiziert. Virtuell ist der Krieg gebändigt. Nur schade, dass man den realen Krieg nicht so leicht auf den Index setzen kann.

Und so ist auch das Versprechen von „Schonung und Schutz der Zivilbevölkerung und ziviler Objekte“ (Art. 48, Genfer Konvention) nicht zu halten. Das Völkerrecht kann Zivilisten und Kombattanten unterscheiden, die Bombe nicht. Im modernen Kriegsgeschehen macht der Zivilist eine einzigartige Karriere, er nimmt als „Kollateralschaden“ teil und dient als Legitimationsfigur im ewigen Spiel der Gegenangriffe. Und das Publikum schüttelt den Kopf und geht sich eine Stulle schmieren. Deutsche waren ja wohl nicht unter den Opfern. Das Kinderhilfswerk bittet um Spenden.

Seitdem der Angriffskrieg verboten ist, führt man Verteidigungskriege. Unanständig, wer dabei Zivilisten tötet, anständig, wer sie schont oder gar rettet. Und doch bleibt die Tragik, immer wieder daran zu scheitern, „gutes“ und „schlechtes“ Töten zu unterscheiden, ohne dem Töten die Ungeheuerlichkeit nehmen zu können. Die Aufwertung des Unbewaffneten zum Zivilisten hat dessen Tod nicht besser gemacht, aber das Zuschauen immerhin schlimmer. Wo ist denn, verdammt noch mal, der Ausknopf?

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