Lieb* Les*, * du das gerade liest

„Nach dem Vater schlagen“ meint keineswegs eine Form der häuslichen Gewalt, bei der sich der Sprössling gegen den tyrannischen Erzeuger wendet, sondern diese Wendung zeigt die ursprüngliche Bedeutung des Geschlechts. Das Mittelhochdeutsche „geslehte“ als Vorläufer der Bezeichnung Geschlecht gehört zum Verb schlagen und meint „das, was in dieselbe Richtung schlägt“. Unruhig wird der Mensch als soziales Wesen nur, wenn etwas aus der Art schlägt.

Um sprachlich kein Geschlecht zu benachteiligen, ist Kreativität gefragt. Bekannt leseunfreundlich ist die Ausschreibung aller geschlechtsenthaltenden Formen („Liebe Bürgerinnen und Bürger“). Ein Sternchen an die Stelle der Geschlechtlichkeit schafft wiederum mehr Probleme als es löst. Wer keinen Spaß am Knobeln hat, sollte auf das Binnen-I setzen oder den Unterstrich wählen. Diese Variante kommt denen zugute, die die weibliche Form betonen wollen, vernachlässigt aber auch nicht das Gender Gap. Ganz Schlaue vertrauen auf das alle möglichen Geschlechter umfassende Gerundium („Liebe Liebende“). Ungelöst bleiben hierbei so drängende Fragen wie die nach der Schirmfrau oder der Schirmherrin.

Geschlechtslos, das gibt es auch, sogar sprachlich. Man muss die Dinge entweder umschreiben oder durch Anhängsel kenntlich machen. So verfährt etwa das Persische. Nur leider hält sich der Einfluss der Sprache – die Strukturalisten mögen uns verzeihen – auf die gesellschaftliche Wirklichkeit in engen Grenzen. Denn wenn im Iran Männer andere Männer lieben oder Frauen andere Männer als die ihnen angetrauten, warten Folter, Gefängnis oder Hinrichtung – manchmal in Form apfelsinengroßer Steine auf den eingegrabenen Körper. Die faulige Luft aus dem tiefsten Mittelalter, denken sich zivilisierte Mitteleuropabewohnende, und sind erstaunt zu erfahren, dass es im Iran heute legal ist, sich von einer Frau in einen Mann umoperieren zu lassen, oder umgekehrt. Noch besser: Die Geschlechtsumwandlung wird von der Krankenkasse bezahlt. Überreste orientalischer Tradition? In diesem Fall vielmehr der Kampf eines vom Geschlecht gepeinigten Gläubigen, der sich an Revolutionsführer Chomeini wandte. Dieser konnte dem Koran keine Aussage gegen das Wechseln des Geschlechts entnehmen. Im Gegenteil, so lautete die mit höchster theologischer Autorität gewonnene Erkenntnis, gehöre die Veränderung der göttlichen Ordnung zum Alltag der Menschen. Ironie der Geschichte: Nachdem erst der westliche Kolonialismus die Homophobie im islamischen Raum so richtig in Schwung brachte, könnte demnächst im Iran die erste transsexuelle Hochzeit einem lesbischen Paar das Leben retten.

Eine Katholische Republik wäre vielleicht nicht so tolerant, wenn man von Mutter Natur mit dem falschen Körper gesegnet würde. In seiner Rede zum vergangenen Jahreswechsel verwies das römische Kirchenoberhaupt auf Gottes Werk, welches durch Homosexualität, aber auch durch das Infragestellen des eigenen Geschlechts zerstört würde. „Die Regenwälder haben ein Recht auf unseren Schutz, aber der Mensch als Kreatur hat nicht weniger verdient.“ Indes, während Freunde Amazoniens gern vor der Auslöschung des Artenreichtums warnen, will der Pontifex Maximus die Artenvielfalt verhindern. Und so sollen auch katholische Transsexuelle wissen, dass all ihr Bemühen umsonst ist, sich durch eine Geschlechtsumwandlung ins Priesteramt zu schleichen. Denn eine Geschlechtsumwandlung ändert – dem Vatikan zufolge – das „Gender“ nicht. Tja, die katholische Kirche gegen den Lauf der Welt. Die Päpstin lässt grüßen.

Aber allzu weit geht es mit der vom Ayatollah abgesegneten Transsexuellentoleranz wohl nicht. Im Iran wartet auf im Genus und Sexus veränderte Menschen wohl ein noch größeres gesellschaftliches Abseits, als es im säkularen Deutschland zu erwarten ist. Auf transsexuelle Bürgermeister- oder Außenminister_innen werden wir hie wie da noch warten müssen. Ahmadinedschad meinte jedenfalls protestieren zu müssen, als der Blut-und-Boden-Schlachteplattenfilm „300“ den Perserkönig Xerxes verweiblicht darstellte. Wenn man bedenkt, wie wenig Menschen persönlich von der Liberalisierung der Liebe und des Leibes eigentlich betroffen sind, zeigen die Untergangsszenarien von konservativer Seite, wie viel Unsicherheit die Infragestellung der Geschlechterrollen doch auslösen kann. Um „Gedöns“ handelt es sich jedenfalls nicht.

Schließlich geht es bei Sex-Change nicht nur um Identitätsfindung, sondern auch um die öffentliche Sicherheit. Das Experiment zeigt: Nähern sich Fahrradfahrer_innen mit kurzen Haaren durch die Applikation einer Frauenperücke äußerlich dem klassischen weiblichen Pedaltreter an, verunfallen sie seltener. Iran ist aus gutem Grund für seine Neigung bekannt, Mensch_innen vorzuschreiben, wie sie sich zu kleiden haben. Leben retten durch Frauenperückenzwang für Radfahrer auch bei uns! Das Geschlecht und die Reaktion darauf sollte man sich zunutze machen.

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