Ferne Ostalgie

Wir schreiben das Jahr 2010. Die innerdeutsche Grenze existiert noch. In Vietnam. Trotz Bratwurst, Bier und Botschafter: Wenn in Hanoi zur Wiedervereinigungsfeier geladen wird, übt die politische Crème Vietnams Enthaltsamkeit. Studenten der DDR bekleiden heute höchste Ämter in den staatlichen Chefetagen. Das Deutschland, das sie kannten, feiert man nicht mehr. Eingliederung der DDR, 20 Jahre danach immer noch ein heikles politisches Thema. Und ein persönliches.

Auf maximal begrenztes Interesse stoßen in Deutschland deshalb heute Vorschläge, diesen Aspekt deutsch-vietnamesischer Beziehungen zum Jubiläum des Mauerfalls zu thematisieren. Eine Grenze ist weg, eine andere im Kopf entstanden. Zahlreiche vietnamesische Gastarbeiter und Studenten verbergen sich dahinter. Und das Erbe sozialistischer Entwicklungszusammenarbeit: Plattenbauten in Vinh, Kaffeeanbau und Export, Berufsschulen und Laster des VEB Industrieverband Fahrzeugbau (IFA), die heute noch ein zentraler Faktor des vietnamesischen Bauwahns sind. Nach dem Mauerfall erklärte die Sozialistische Republik, man werde die Hilfe der DDR nie vergessen.

Andernorts ist man da etwas vergesslicher. „Deutschland in Vietnam“. So heißt die diesjährige Kulturoffensive des Auswärtigen Amtes. Meilenstein der deutsch-vietnamesischen Beziehungen? Vor 35 Jahren nahm West mit Fern-Ost diplomatischen Kontakt auf. Und ein blühender Sozialismus, der selbst in der Krise noch um sechs Prozent wächst, ist schließlich für die schrumpfende Demokratie ein willkommener Partner. Doch als die BRD die SRV anerkannte, war diese bereits 26 Jahre mit der DDR diplomatisch verbunden. Zählt aber nicht. Warum auch? Erinnerung braucht Grenzen.

Grenzen des Erinnerns. Neben den Leistungen der DDR verdecken sie auch das Scheitern der Republik. Vorneweg die Integration der vietnamesischen Gastarbeiter in die deutsche Gesellschaft. Offiziell waren sie ja nur Brüder auf sozialistischem Kulturaustausch und nicht, wie in Wahrheit, Arbeitskräfte, die die DDR benötigte. Als die Vietnamesen, gettoisiert, fleißig unternehmerisch Nebengeschäfte aufmachten – von Klamottenhandel über Intershopwaren hin zu Zigarettenstangen –, stieß das unter der deutschen Bevölkerung nicht überall auf Gegenliebe. Die Grenze, an der die DDR scheiterte, war die Kultur. Auch in Vietnam selbst. Dresdner Stollen schneidet man in Hanoi der Länge nach auf.

Das Duc-Viet-Krankenhaus, erbaut mit Hilfe der DDR. Heute besticht es vor allem durch wenig geschmackvolle Darstellungen von Körperteilen und Innereien, die draußen auf der Straße am Anschlagbrett die Künste der hiesigen Ärzte beweisen. In Vietnam – wo wirklich echte Zertifikate nur schwer zu finden sind, muss man irgendwie Vertrauen schaffen. Das Krankenhaus ist berüchtigt für schlechten Service und ebensolche Instandhaltung. Erhaltung, Qualitätsbewusstsein, Vertrauen – die großen Herausforderungen sozialistischer Bruderhilfe in Vietnam. Und nicht nur dort. Verfallen sind heute die meisten ihrer Zeugnisse. Geschenkte Gäule soll man auch noch striegeln?

Deutschland versucht es trotzdem weiter. Dieses Jahr ist Herr Minister auf Stippvisite, das Land Schwerpunkt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit in Asien. Weiterhin werden deutsche Gelder fleißig in den Sozialismus fließen. Aber Entwicklungszusammenarbeit ist schließlich nicht zuletzt Eigeninteresse in Geschenkverpackung. Und immerhin kann man, ginge man den Weg entgegengesetzt der landläufigen Entwicklungseinbahnstraße, auch noch was lernen. Herr Minister wird’s zu erwähnen wissen.

Wenn der Verkehr zusammenbricht und alle machen, was sie wollen, flexibel und geschäftig – heute Tischler, morgen Maurer, alles ohne langfristiges (Be)Denken –, wartet unsereins daheim auch schon mal auf menschenleerer Straße auf die grüne Überquererlaubnis. Und ist aufgefordert, Lebensmittel und Trinkwasser gegen 20 Zentimeter Neuschnee zu horten. Wo soll das nur hinführen?

Andernorts weiß man sich jedenfalls selbst zu fordern und zu fördern. Preußen Asiens: Thüringer Rostbratwurst auf dem Weg zur Ahnenverehrung am Tempel und deutscher Döner im Straßenwettbewerb mit Suppenbuden an den Straßen Hanois. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Den Fallhöhen noch oben und unten auch nicht.

Wenn ein Loch da ist, wo etwas nicht ist (Tucholsky), dann ist eine Grenze da, weil etwas anderes da ist. Und weil eine Grenze da ist, ist etwas da, aber es ist etwas anderes. Wie schön, dass es Grenzen gibt, die uns träumen lassen, dass drüben, dort, da ganz in der Ferne alles besser ist. Verachtung braucht Grenzen. Sehnsucht auch. Nur die Orte wechseln. Die Nicht-Orte unserer Fantasie. Auch Löcher?

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Blattgold

Eine Antwort zu “Ferne Ostalgie

  1. Ich bin zwar in der DDR geboren, aber nicht mehr wirklich dort aufgewachsen, sondern in der Zwischenphase, sozusagen in den 90er und den Nullerjahren. Ich wusste nicht, dass es vietnamesische Gastarbeiter in der DDR gab, erst in einer Doku wurde mir das bewusst. Dementsprechend groß war meine Überraschung. Heute hört man jedoch kaum etwas, also eigentlich gar nichts mehr von diesem Kapitel. Was ich beeindruckend fand, waren die Thüringer Rostbratwürste und die Sandmannmelodie, die der Protagonist noch fehlerfrei auf seiner Geige spielen konnte. Doch die Hintergründe kenne ich nicht wirklich. Es wird Zeit, das dies endlich mal angegangen wird.

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