„For the Game. For the World“®

Gegen rote Zahlen helfen keine Roten Karten. Die Europäische Zentralbank kennt den Platzverweis nicht.

Kein Zaudern hingegen bei der Fédération Internationale de Football Association. Wer gegen die Spielregeln auf dem Platz und auch sonst verstößt, der bekommt die Macht der Fußballhüter zu spüren. Der griechische Fußballverband wurde 2006 kurzzeitig vom Platz gestellt, da die griechische Regierung aus Sicht der FIFA sich zu sehr in fußballerische Belange einmischte. Ja, Regeln sind wichtig. Wie auch die Nationalmannschaft Kameruns leidvoll erfahren musste. Ihr wurden die körperbetonenden Einteiler verboten, schließlich besagen die Vorschriften der FIFA, dass das Fußballkleid aus einem Trikot und einer Hose bestehen muss. Und FIFA-Chef Joseph Blatter brauchte Südafrika nur mit einem ominösen „Plan B“ zu drohen, schon drehten sich die Kräne auf den Baustellen gleich zweimal so schnell. Die FIFA, ein eingetragener Verein Schweizer Rechts, gleichzeitig ein global agierendes Unternehmen ersten Ranges.

1905 gegründet, beschränkte sich die Internationalität zunächst auf den europäischen Kontinent. Der globale Aufstieg der FIFA begann mit einem uruguayischen Zahnarzt, der die besten heimischen Spieler 1924 zu den Olympischen Spielen nach Europa schickte, und einem Rinderzüchter aus Montevideo, der als Großsponsor die erste WM 1930 nach Uruguay holte, nachdem die uruguayische Nationalmannschaft die verblüfften Europäer zuvor bei Olympia über den Haufen gespielt hatte. Inzwischen ist die Fußballweltmeisterschaft ein Großereignis, das die Welt sogar noch besser machen will. Gemäß seinen Statuten hat sich der Fußballweltverband die Förderung freundschaftlicher Beziehungen in der Gesellschaft zu humanitären Zwecken (4.1b) zur Aufgabe gemacht. Und Kaiser Franz, endlich in einem Regierungsamt angelangt (im Exekutivkomitee der FIFA), bestätigt: „Fußball ist eines der wenigen Mittel, das wirklich noch Völkerverständigung bewirken kann.“ Was sind Jahre stiller Diplomatie der Aussöhnung gegen eine binationale Fußballweltmeisterschaft in Japan und Südkorea.

Da stört nur ein kleines Kommunikationsproblem. Geld, viel Geld. Und schon heißt der Fußballweltverband die „Geldmaschine am Zürichberg“. Immerhin der Dienst am Sport, der Völkerverständigung und das Beisammensein der Fußballfamilie generieren einen jährlichen Gesamtertrag von fast einer Milliarde US-Dollar. Ökonomisch ist die FIFA ein dicker Brocken. Olympia? Kleinkram. Man nehme nur das Zuschauerinteresse. Nach Angaben der FIFA ist die Fußball-WM das bei Weitem größte TV-Sportereignis der Welt. 2006 waren über 26 Milliarden Zuschauer dabei, bei den Olympischen Spielen 2008 (wir berichteten) hingegen nicht einmal 5 Milliarden. Was aber macht ein Unternehmen, das kein Unternehmen sein darf und vielleicht auch nicht sein will? Auf jeden Fall sehr viel Gutes tun. Kein Krisenherd dieser Welt, den Sepp Blatter nicht kommentiert oder besucht hat. Fußball: Hoffnung für Haiti, Trost für Chile und mit allen guten Wünschen für die Flüchtlinge dieser Welt. Und natürlich immer wieder ein Vorbild für die Jugend.

Die FIFA scheint wie ein Staat ohne Territorium. Gelegentlich mit Hang zur Operette, aber immer ernst gemeint. Das tanzt der Kongress als oberstes und gesetzgebendes Organ, das Exekutivkomitee führt (sich) aus, das Generalsekretariat administriert (Statut 21). Und die Judikative ist outgesourcet an den Court of Arbitration for Sport, der an die Reglemente der FIFA und das Schweizer Recht gebunden ist (Statut 62). Eine effiziente Organisationsmaschinerie, die sich durch das Ergebnis legitimiert. Beglückte Stadienbesucher, Fernsehzuschauer, Gastländer. Auch Nachbarn in nah und fern profitieren im Zeitalter der Globalisierung. Die Maskottchenproduktion im Reich der Mitte für die diesjährige WM musste allerdings wegen schlechter Arbeitsbedingungen von der FIFA gestoppt werden, denn auch ein nicht staatlicher Verein ist heute angehalten, sich über Menschenrechte Gedanken machen. So weit, so gut.

In der Fußballwelt ist alles wohlgeregelt und alle dürfen dabei sein. Teilhabe durch Zuschauen. Aber Fußball bleibt auch ein Produkt von wenigen für viele. Cervisia et circenses. Die Masse hat ihren Spaß, die Hochleistungstreter schaffen den Mehrwert und die Administratoren ziehen die Fäden. Doch dräut in Gestalt der glücklichen Fußballfamilie am staatstheoretischen Horizont der Staat der Zukunft? Gebiert der hoch produktive Kapitalismus nach dem Wohlfahrtsstaat den Wohlfühlstaat? Ein Staat mit wenigen Produktiven und vielen Konsumenten. Die Gated Communities der Trainingslager geben das Modell für den projektbasierten Kapitalismus (Boltanski). Eine Gesellschaft, in der nur noch wenige am Ball sind, aber alle ihren Spaß haben. Doch wie lange noch mag der Konsument nur Kiebitz sein? For the game. For the World.® For a brave new world?

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